Handlungshilfe zur Gründung und Entwicklung von Erwerbsloseninitiativen
Mitstreiter finden, eine Initiative gründen und Ziele festlegen, Räume/Mittel organisieren und Beratungskompetenz erwerben. Was gibt es bei der Gründung einer Initiative zu beachten und welche Möglichkeiten gibt es.
Bei Anregungen, Ergänzungen oder Fragen zur Handreich wendet euch bitte
per E-Mail an das Kampagnen-Team, an
das „Vorsicht!Arbeitslosengeld II“-Infotelefon
oder an die BAG-SHI-Geschäftsstelle.
Die Handlungshilfe kann auch als
Pdf-Datei (142
kb) heruntergeladen werden.
1. MitstreiterInnen gewinnen.
Es ist sehr wichtig, dass sich erst mal ein möglichst konstanter Kern von Menschen mit ähnlichen Zielen zusammenfindet und sich regelmäßig trifft. Zu oft bestehen Initiativen bei näherem Hinsehen aus EinzelkämpferInnen, und sie verschwinden vom Erdboden, wenn die "Hauptaktiven" einen Job finden oder in einer Maßnahme landen. Oder sie können die Aktivitäten nicht langfristig aufrecht erhalten, weil sie überlastet sind.
Kontakte vor Ort zu bestehenden Gruppen, vielleicht aus anderen Zusammenhängen ("linke Gruppen", Attac, Gewerkschaften, Flüchtlingsgruppen, antifaschistische Gruppen, Selbsthilfegruppen z.B. von Menschen Behinderungen oder Krankheiten, kirchliche und Kulturprojekte usw.), können sehr nützlich sein, um MitstreiterInnen kennen zu lernen und um Informationen und Unterstützung zu bekommen. Hier können Sie z.B. fragen, was zu beachten ist, wenn Sie eine politische Aktion planen und sei es nur der Infostand auf der Fußgängerzone, der zuvor angemeldet werden muss.
2. Sich Zeit lassen, um gemeinsame Themen, Ziele und Umgangsformen aushandeln
Wenn Sie potentielle MitstreiterInnen gefunden haben, müssen Sie mit etwa dem folgenden Ablauf des Gruppenbildungsprozesses rechnen (das ist eine sozialpsychologisch seit langem gut erforschte Sache):
- Bei den ersten Treffen werden sich die Interessenten (heimlich oder unheimlich) mehr oder minder misstrauisch einander „beäugen“ (Was ist das für Eine/r? Liegt der/die „auf meiner Linie“? Was will der/die? usw. usf.). Als Initiatorin oder Initiator müssen Sie sich in dieser Phase im Wesentlichen als Moderator/-in verstehen. Das heißt, machen Sie anfänglich deutlich – am besten möglichst kurz schriftlich – , welche Probleme und Ziele Sie zu Ihrer Initiative bewogen haben, geben Sie dann aber allen, die zusammen gekommen sind, Raum, ihre eigenen Vorstellungen und deren Hintergründe darzulegen. Bremsen Sie Anwesende, die sich darauf spezialisieren möchten, die Vorstellungen anderer zu kritisieren und zu zensieren. (Was freilich nicht heißen soll, sich nicht gegen nationalistische, faschistische, rassistische und sexistische Bestrebungen deutlich und von Anfang an zu verwahren). Nach einer Phase des offenen und aufgeschlossenen Austauschs miteinander merken die Interessenten schon selbst, wer mit wem irgendwie kann. Manche werden danach von ganz allein wieder wegbleiben. Das müssen Sie als Initiatorin/Initiator nicht forcieren, aber auch nicht verhindern.
- Danach folgt bei den Verbliebenen in der Regel eine etwas euphorische Phase: Es entsteht ein erstes Wir-Gefühl, und es gibt viele gute Ideen, was alles zu tun ist und angepackt werden muss. Jetzt kann der Einstieg in die Strukturierung, Zeitplanung und Prioritätensetzung beginnen.
- Je weiter die Arbeit daran fortschreitet, treten in der Gruppe wieder sehr grundsätzliche Diskussionen über Inhalte und Ziele und insbesondere Formen der Arbeit auf. Bei Licht besehen, handelt es sich dabei vielfach um (durchaus fruchtbare) Abgrenzungs- und Profilierungsbemühungen der Einzelnen. Wenn die Gruppe inzwischen so weit ist, dass Fairness im Umgang miteinander zum obersten Gebot geworden ist, kann sich in dieser Phase die Einsicht entwickeln, dass nicht jeder/jedem alles gleich wichtig ist und nicht jede/jeder alles gleich gut kann. Es darf also unterschiedliche Interessen und Kompetenzen geben, die bei gegenseitiger Achtung notwendig für die künftige Arbeit sind.
3. Um Raum kämpfen
Auch wenn sich viele Erwerbsloseninitiativen zunächst in kirchlichen oder gewerkschaftlichen Räumen treffen müssen, können sie auf die Dauer nicht ohne eigene Räume leben und arbeiten. Nur eigene Räume bieten die Möglichkeit, sich nicht nur regelmäßig, sondern sich auch spontan oder kurzfristig anberaumt zu treffen, ein offenes Haus für neue Interessenten zu bieten, Arbeitsgruppen Raum zu geben und Beratung anzubieten. Nehmen Sie, was die Raumfrage angeht, die Kommunen in die sozialpolitische Pflicht. Lassen Sie die Sozial- und Liegenschaftsämter nicht in Ruhe; „nötigen“ Sie diesen Ämtern die Zusammenarbeit miteinander „auf“.
Oder Sie erkundigen sich nach unabhängigen sozialen Zentren oder anderen
„offenen Projekten“, die vorübergehend oder auf Dauer den Raum für eine
Initiative bieten können und die offen für eine Kooperation sind.
4. Die oberleidige Geldfrage
Geld erleichtert das Leben, auch das von Erwerbsloseninitiativen.. Fehlen
die Sponsoren in den eigenen Reihen, bleibt eigentlich nur eine
Vereinsgründung, um offiziell Spenden und Fördermittel einwerben zu
können.
5. Beratungskompetenz erwerben und entwickeln
Beratungswissen weiterzugeben und damit Selbsthilfe anzuschieben, ist eine wichtige Funktion einer Initiative. Einen Einstieg ins Beratungswissen kann ein Schulungsseminar leisten. Gewerkschaften zahlen manchmal Schulungsseminare (leider nur) für Mitglieder. Schulungen werden aber auch regelmäßig von der BAG-SHI veranstaltet und sollen in Zukunft mit einer regionalen Komponente intensiviert werden. Wir planen außerdem, ab dem nächsten Jahr regionale AnsprechpartnerInnen für Initiativen bereitzustellen. Zudem existiert bereits jetzt ein Infotelefon, mit dem wir Initiativen bei Beratungsfragen unterstützen wollen und sonstige Initiativentipps geben (http://www.alg-2.info/infotelefon).
Niedrigschwelliger als die Beratung selbst ist die Begleitung zum Amt. Beistände nach § 13 Abs. 4 SGB X wirken dort manchmal Wunder, und es ist eine gute Art solidarischer Hilfe, denn diese kann fast jede/r für jede/n leisten. ExpertIn im Sozialrecht wird mensch in der Auseinandersetzung mit der eigenen Situation und dem offenen Austausch darüber. Deshalb hat sich in vielen Initiativen bewährt, statt einer Einzelberatung (Beratender und Hilfesuchender) eine „Kollektivberatung“ anzubieten. Alle Probleme werden in der Gruppe mit allen Ratsuchenden und Beratenden besprochen. Dadurch profitieren alle vom erarbeiteten Beratungswissen und Hilfesuchende werden dazu ermutigt, selbst andere Betroffene zu unterstützen. In der Gruppe stellen die Ratsuchenden schnell fest, dass sie nicht die einzigen sind, die von der Behörde „über den Tisch gezogen“ wurden, sondern dass Fehler und Schikane durchaus zur alltäglichen Behördenpraxis gehören. Auch das stärkt die Solidarität untereinander und verdeutlicht den politischen Anspruch der Rechtsdurchsetzung. Denn hier geht es schließlich um die alltäglichen Kämpfe um Rechtsansprüche und Einkommen.
Um sich kontinuierlich auf dem Laufenden zu halten, können Sie sich auf unseren Seiten www.bag-shi.de und www.alg-2.info umsehen. Tragen Sie sich für den Alg-II-Newsletter ein, dann bekommen Sie eine E-Mail, wenn es dort etwas Neues gibt.
Wir versuchen die Gründung von Initiativen mit unseren bescheidenen Mitteln zu unterstützen, das Zusammentreffen der Leute und die Aktion muss aber vor Ort geschehen. Erwerbslose haben den „Vorteil", dass die Alltagspraxis eng mit dem Kampf um Rechte und Existenz verbunden ist. Diesen Kampf nicht für sich im Stillen, sondern solidarisch mit anderen zu bewältigen, kann unheimlich viel Kraft geben. Damit wird auch deutlich, dass Selbstorganisierung ein politisch-emanzipatorischer Prozess ist, der – einmal in Gang gekommen – den Aktiven neues Selbstbewusstsein verleiht.